Ich – feig am Flüchtlingstag

Dieses Wochenende gibt es ja die Gedenkaktion für alle verstorbenen Flüchtlinge. In der Martinskirche wurden nonstopp Namen der auf der Flucht nach Europa Verstorbenen gelesen. Auch ich habe „Beim Namen nennen“ mitgemacht und war am Sonntag für 07.00 Uhr für eine halbe Stunde eingeschrieben. Ich nahm den Südausgang unseres Hauses und lief zur Kirche. Fünfzehn Seiten las ich etwa so: „15. 02. 09 vier namenlose Männer aus dem Maghreb, ertrunken, nachdem das Boot auf einen Felsen lief und zwanzig Meter vor der Küste Lanzarotes sank.“

Dann unterschrieb ich noch die Petition von amnesty international und machte mich auf den Heimweg, diesmal nahm ich den Eingang Parterre. Aber da lagen zwei Gestalten wie Katzen zusammengerollt auf dem Boden bei den Briefkästen und schliefen. Ich rief nicht gerade freundlich: Hallo, was ist hier los? könnt ihr bitte sofort verschwinden?“ Die beiden jungen dunkelhäutigen Männer nahmen ihren Turnsack und machten sich wortlos davon.

Gleichzeitig ist mir eingefallen, dass ich ja gerade recht selbstzufrieden von der Aktion Flüchtlingstag herkam. Und jetzt hatte ich nichts Gescheiteres zu tun als zwei Unglückliche ohne Unterkunft davon zu jagen? Hätte ich ihnen bei mir einen Café anbieten sollen? Oder in unserm Gemeinschaftsraum ein Frühstück offerieren? Noch besser unser Gästezimmer, das ja gerade frei ist, samt Dusche zur Verfügung stellen? Mindestens hätte ich Ihnen ein Nötli in die Hand drücken können!

Also jetzt schäme ich mich ziemlich. Den Vorfall habe ich dann auf unserm Kanal byUnity allen Mitbewohnenden berichtet – bis jetzt ist noch keine Reaktion eingetroffen. Schon klar, wenn diese Schlafstätte in unserm Eingangsbereich die Runde unter Obdachlosen macht, dann haben wir noch öfters solche Gäste. Wie so oft hat zum Thema Flüchtlinge niemand ein Rezept.

3 Antworten auf „Ich – feig am Flüchtlingstag

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  1. Hallo Susi
    Ich bin beeindruckt, was dieses frühmorgendliche Erlebnis bei dir ausgelöst hat. Deine Gedanken lassen aufhorchen!
    Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte; wahrscheinlich aus Überrumpelung ähnlich wie du. Wir – jede/r Einzelne – sind überfordert, auch unsere Gesellschaft.
    Du könntest diesen Vorfall der SVP mitteilen; die würden ihn gerne fremdenfeindlich ‚ausnutzen‘: es ist ja Wahlkampf. Aber NEIN, keinen Steilpass an diese Partei!
    Trotzdem einen schönen Sonntag!
    Heidi

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  2. Hallo Susi

    Wenn ich es mir so überlege hätte ich wahrscheinlich wie du reagiert. Ich gratuliere dir dass du den Mut gehabt hast darüber einen Blog zu verfassen. Vielleicht können wir das Thema einmal an einer Bewohner*innensitzung zur Sprache bringen wenn wir nicht mehr so mit internen Aufgaben beschäftigt sind allenfalls unter Beizug von Kulturpunkt. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Blog.

    Herzliche Grüsse
    Hansjörg

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  3. Liebe Susi,
    Chapeau – ich gratuliere dir zu deinem Beitrag und deiner Selbstreflexion. Ganz schön mutig, menschlich und ehrlich! Und: auch danken möchte ich dir dafür ! Durch geteilte Sprache kann man/frau Vieles bewirken: zum Nachdenken anregen, zur Empörung, zum Aufstand, zum Zweifeln – aber auch zum Hoffen und Verändern, zum „Gemeinsam–Lösungen-Suchen“ und Finden…Herzlich Manuela

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