Gut Kirschen essen

Letztes Jahr hat ja unser Chriesibaum im Garten der ibc eine schlechte Figur gemacht: kein Blust, keine Bienen, dafür Meister Frost im April! Somit fiel die Ernte aus. Aber ganz anders dieses Jahr, denn der Baum hängt voll herrlicher dunkelroter Kirschen. Längst ist eine Leiter aufgestellt, und alle können sich bedienen. Ja, die Äste hängen so tief, dass man nur darunter zu stehen braucht – gleich in den Mund oder erst mal in den Korb und dann in die Küche.

Die Verwendungsarten sind zahlreich, und Sibylles Entsteinungsgerät macht jetzt die Runde. Allerdings können die Früchte auch gleich mit dem Stein tiefgekühlt werden, etwa für Wähen. Lisbeth gibt sich die Mühe und füllt die Ernte heiss in Gläser ein. Andere kochen sogar Konfitüre ein. Ich schnetzle das Fruchtfleisch gerne in mein Birchermüesli. Frischer und mehr Bio als von unserm Baum geht ja gar nicht.

Hat jemand nach Würmern gefragt? Nun, sehen tut man sie höchstens beim Aufgiessen mit heissem Wasser. Aber muss man sie sehen? „Das ist die Proteinzugabe“, meint Lisbeth.

Doch soviel wir auch Kirschen mit und ohne essen – wir werden der Ernte nicht Meister und müssen den Rest den Vögeln überlassen. Vielleicht haben wir einmal einen Bewohner oder eine Bewohnerin, der/die sich aufs Kirschbrennen versteht? Den eigenen ibc-Kirsch trinken – das wäre das höchste der Gefühle. So oder so kann man aber sagen: „Mit der ibc ist gut Kirschen essen!“

Wie kommunizieren wir eigentlich?

Unsere Genossenschaft präsentiert sich ja im Internet mit einer gepflegten Homepage. Da kann man sich mit Anklicken diverser Buttens  ein Bild über unser Haus und seine Bewohner/innen machen. Auch Veranstaltungen sind aufgelistet. Jetzt ist es aber nicht so, dass die hier wohnenden analog aufgewachsenen Senioren täglich die Webside aufschalten. In jüngeren Jahren verliessen sie sich auf das fix installierte Telefon, um Neuigkeiten auszutauschen. Ja wie gesagt, das sind halt alles Leute, die noch mit Schreibmaschine und Kohlepapier hantiert haben. Die laufen nicht mit dem Handy auf Brusthöhe herum und schlagen sich den Kopf an.

Auch mit einem Gesamt-E-Mail erreicht man nicht alle. SMS oder WhatsApp? Vergiss es. Am Zuverlässigsten sind immer noch die beiden Anschlagbretter in unserm Gemeinschaftsraum. Da kann man gemütlich davor stehen und schauen, was in der „ibc“ demnächst los ist. Links sind Flyer von kulturellen Anlässen der Region mit Magnetknöpfen fixiert. Interessiert mich ein Konzert in Chur? Oder ein Film in Thusis? Dann finde ich sicher eine Begleitperson im Haus.

Auf der rechten Anzeigetafel geht es um hauseigene Veranstaltungen. Lange zum Voraus sollte man zum Beispiel die Bewohner/Innenversammlungen in der eigenen Agenda notieren, denn an diesen Abenden werden wichtige Weichen des Zusammenlebens gestellt und in der Runde besprochen. Hier hängt auch ein Kalender, auf dem notiert ist, wann das Gästezimmer reserviert und wann es frei ist. Ferner ist aufgelistet, wer in der Liegenschaftskommission für was zuständig ist und wo man sich bei einem Feuerausbruch besammeln soll.

Aber es geht nicht nur um trockene Verwaltungsdinge. Auch Tavolata, Geburtstagsfeiern, Sing- und Musikabende oder Spielnachmittage werden hier angekündigt. Jetzt ist es aber so, dass Infos noch gründlicher präsentiert werden, nämlich mit einem bunt gestalteten Flyer gleich neben der Haustüre. Hier gehen sicher alle einmal täglich ein- und aus. So verpasst niemand die Einladung zum morgigen Grillabend, denn das wäre jammerschade. Wenn unser Grillmeister den prächtigen Gasgrill auf dem Gartenplatz anwirft, dann ist man doch gerne dabei. Fleisch, Wurst, Käse, Gemüse, dazu selbst präparierte Salate im Austausch (System bringen und nehmen), und heute spendest du den Wein und nächstes Mal ich. Dabei wird dann die schönste Form des Kommunizierens gepflegt, und das ist halt immer noch das Reden miteinander.

Das mit dem „Loslassen können“

Wer die Absicht hat, Teil unserer Wohngenossenschaft zu werden, verbindet damit nicht unbedingt eine in Quadratmetern zu messende Vergrösserung seines Lebensbereiches. Das Gegenteil ist der Fall, denn die meisten Bewohner und Bewohnerinnen konnten zuvor über eine grössere Eigentumswohnung oder sogar über ein Einfamilienhaus mit Umschwung verfügen. Man musste also das bisherige Heim vermieten oder verkaufen, was entsprechend umständlich ist und selten von heute auf morgen geschieht.

Im Allgemeinen wäre es naheliegend, wenn die eigenen erwachsenen Kinder Interesse am Wohnobjekt bekunden würden.  Aber wie das so ist, diese Buben und Mädchen von einst haben inzwischen ihren eigenen Lebenskreis aufgebaut, vielleicht sogar ein Eigenheim in einer ganz anderen Ecke der Schweiz gebaut, und wollen oder können aus beruflichen Gründen nicht zurück ins Elternheim. Nein, mit der Vermietung herumschlagen wollen sie sich auch nicht.

Wenn dann interessierte Senioren auf Besichtigungstour in unserer ibc sind, hört man sie oft etwa so sprechen: „Es gefällt uns sehr, wir würden wirklich gerne hier leben, aber es ist halt so, dass wir ja erst unser Haus verkaufen müssten, den eigenen Garten aufgeben…“

Sie verlassen uns dann, versorgt mit reichlich Dokumentationen über unsere ibc, und geben nur eine vage Zusicherung im Sinn von: „Sehr schön, aber wir sind ja noch rüstig und gut zu Fuss und überlegen es uns erst einmal.“

Ja, da wäre dann das grosse Loslassen gefragt. Dass man Materielles nicht mit ins Grab nehmen kann, scheint ohne Bedeutung zu sein. Auch dass das wirkliche Loslassen oft auch eine psychische Erleichterung bedeutet, wird verdrängt. Diese Menschen warten dann vielleicht zu lange und haben schliesslich nur noch die Alternative Altersheim. Ich selber musste meine geräumige Eigentumswohnung mit eigener Waschmaschine und grossem Kellerbereich aufgeben, ja, dann habe ich sogar mein Auto verkauft und den Fahrausweis abgegeben. Was soll’s? Der Tausch mit einer kleineren Wohnung in der ibc war doch ein Gewinn, und anstatt mit dem Auto bin ich mit dem GA der SBB fast ebenso mobil. Das dadurch eingesparte Geld kann ich locker fürs Reisen ausgeben.

Loslassen können, das übe ich weiterhin, und wenn es nur darin besteht, dass der Abfallsack noch mit etwas Überflüssigem gefüllt wird. Ein Gang in den Keller fördert ja hie und da Dinge zu Tage, die man gar nicht vermisst, wenn sie nicht mehr vorhanden sind.

ibc – eine Art Wildbienenhotel

Ich sollte von Anfang an beginnen: es war 2016, als ich plötzlich realisierte, dass ich an meinem Churer Wohnort im Quartier an der Hanglage die Älteste war. Die netten Nachbarn eilten jeden Morgen zur Arbeit, und meine Generation, die früher hier lebte, war ins Altersheim gezogen. Musste es nicht noch etwas anderes zwischen Arbeit und Altersheim geben?

Dann hörte ich von der Genossenschaft „inbuonacompagnia“ in Bonaduz, kurz „ibc“ genannt. Aber Bonaduz war jetzt nicht gerade meine Traum-Location. Wie sollte ich weiterhin an den Kulturanlässen der Stadt teilnehmen oder nach Zürich kommen? Ja gut, die S-Bahn ist in 17 Minuten in Chur, so viel Zeit benötigte ich auch bisher zu Fuss, um an den Bahnhof zu gelangen. Ich konnte mir das Minergie-Gebäude und die freien Wohnungen ja mal anschauen.

Dann fiel mein Entscheid ziemlich schnell: in dieses „Wildbienenhotel“ wollte ich bald einziehen. Denn ähnlich wie diese Tierchen lebe ich gerne einsiedlerisch in einem geschützten Hohlraum (sprich einer eigenen Wohnung) und schwärme von hier aus in Gesellschaft in die Blumenwiese. Oder in diesem Fall zum Apéro unter den Kirschbaum und zum Schwatz in den Gemeinschaftsraum.

Altersheim? Diesen Eindruck hatte ich gar nicht, denn auch die drei über Achtzigjährigen unter den rund vierzig Bewohnerinnen und Bewohnern schienen mir putzmunter zu sein. Das Haus war vor sechs Jahren eröffnet worden, und bisher gab es noch keinen Toten.

Eine lebensfrohe Gemeinschaft von nicht mehr Jungen wartete also auf mich. Aber würden die Genossenschaftsmitglieder wirklich – wie die Wildbienen – nicht stechen? Oder musste ich mich auf Angriffe gefasst machen? Etwa in der Waschküche oder beim Putzplan? Hilfe!

Inzwischen lebe ich seit bald drei Jahren in Bonaduz. Es hat sich genügend Stoff für weitere kleine Storys gebildet. Diese sollen hauptsächlich zum Schmunzeln sein, sind nicht tierisch-ernst zu nehmen und erscheinen in unregelmässigen Abständen. Bis zum nächsten Mal.

 

Siebzigplus

Hallo, es ist Ende Mai und zu Weihnachten habe ich mir doch vorgenommen, im Jahr 2018 einen Blog zu veröffentlichen. Na ja, ich bin jetzt keine lässige Influencerin, schon gar kein IT-Fan, und doch möchte ich den Blog gerne realisieren. Habe mal rumgefragt, wer mir helfen könnte, also Pro Senectute, die haben doch Computerkurse im Angebot, ebenfalls die Seniorenakademie. Wenn von dort keine Hilfe kommt, dann vielleicht von der Klubschule? Denkste, die schicken mir niemanden, trotz Angebot von guter Bezahlung.

Dann traf ich heute in der kühlen Morgensonne in Chur eine FB-Freundin, die Romana, von der habe ich soeben einen hinreissend geschriebenen Blog gelesen. Den hatte sie ja auf FB angekündigt. Romana, du schöne tolle Autorin aus dem Engadin, wie bist du vorgegangen? Sie war halt im Schuss, sollte zum rätoromanischen Fernsehen (oder Radio?) für ein Interview, item, sie gab mir aber ein gutes Blog- Stichwort.

Mit diesem Stichwort habe ich mich jetzt auf meinem Laptop rumgeschlagen. Mal sehen, ob daraus ein kleines Erfolgserlebnis wird. Wenn ja, dann berichte ich ab und zu unter dem Domänebegriff abundaufgelebt darüber, was man mit Siebzigplus so noch erleben kann. Heute zum Beispiel begebe ich mich gegen Abend noch ins Kunsthaus in Chur um mich zu wundern. Denn die Objekte und Bilder, die dort an der Vernissage gezeigt werden, lösen ganz bestimmt grosse Verwunderung aus. Und ja, dann gibt es ja noch ein Glas Wein im Kreis von netten Menschen….

 

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑