Was ich mit den Emigranten im Deutschunterricht so erlebe…

Es begann im Januar, als Rita vom Kulturpunkt einmal meinte :“Susi, du als ehemalige Journalistin könntest doch ab und zu einen Emigranten im Deutschlernen unterstützen…“ Sie wüsste da einen aufgeweckten jungen Afghanen vom Meiersboden. Und es gehe nicht so um Grammatik, vielmehr um das freie Reden in der Schriftsprache.

Rafi und ich sitzen also am Tisch und schauen einfach erst einmal Fotos auf dem Handy an. Man kann so gut Landschaften und Leute beschreiben. In der folgenden Woche gehen wir in die Kantonsbibliothek, dort schlage ich einen grossen Atlas auf und lasse mir Rafis Fluchtroute nach Europa zeigen. Er ist schliesslich in Sirnach in einer Militärunterkunft angekommen. „Wir waren 16 Leute, aber das warme Duschwasser am Morgen reichte nur für die ersten Vier“. Rafi lacht oft und macht schnell Fortschritte im Reden. Er bringt Gulan mit, eine junge Iranerin, und zu dritt besuchen wir die beiden grossen Kirchen von Chur und reden über die Weltreligionen. Als es wieder einmal garstig regnet lade ich die beiden in meine Wohnung zum Tee ein. Wir schauen am TV „Mini Chuchi-dini Chuchi“ mit Untertiteln.

Dann wird Rafi verlegt nach Pany, wo es ja ein neues Flüchtlingsheim gibt. Inzwischen habe ich mich beim Roten Kreuz angemeldet und bekomme dort Hamza aus der Türkei zugewiesen. Er ist ein Kurde und lebt mit seiner Familie im Rheinquartier. Auch mit ihm, studierter Physiker, besuche ich Museen, Kirchen und die Bibliothek. Ja auch die Weinabteilung im Manor, und wir reden über den Weinbau. Einmal sagt Hamza ein Treffen ab, denn er habe probehalber einen Job bei Coop in der Logistik bekommen. „Wie war es?“ frage ich eine Woche später. Aber Hamza schimpft, er möge nicht Harasse schleppen, er sei schliesslich Lehrer… Ich wundere mich schon, aber es ist nicht meine Aufgabe, solches Verhalten zu kritisieren.

Heute war es ja wieder prima im Fürstenwald! dort haben wir zusammen den neuen Gleichgewichtsparcours ausprobiert, viel gelacht und Fotos gemacht. Dann können wir vom Waldrand aus eine Beerdigungsfeier auf dem Friedhof beobachten. Hamza wird ganz ernst und fragt mich, was die Pfarrperson denn jetzt zu den Trauernden sage.

Auf dem Bild Hamza in Aktion auf dem Gleichgewichtsparcours.

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