…der Sommer war sehr gross

Ja, der Sommer an der Planaterrastrasse 11 war sehr gross! Es gibt für alle Bewohnenden Birnen, Zwetschgen, Pflaumen, Zucchetti…und mancher Überfluss wandert auch in die vegetarische Küche unseres Bistros. Jedoch – und jetzt folgt das grosse „Aber“ – dieses Bistro mit dem Namen Kulturpunkt hat noch nicht den Gästezustrom, den es für finanzielle Unabhängigkeit benötigen würde. Wir von der Genossenschaft, die im Haus wohnen, können noch so viele ehrenamtliche Einsätze leisten – die Zukunft des Kulturpunkts ist gleichwohl ziemlich ungewiss. Und ja, es soll in der Stadt wirklich Menschen geben, die bisher noch nie etwas vom Kulturpunkt gehört haben oder keine Ahnung haben, wo sich dieses Lokal befindet.

Daher haben wir kürzlich eine Supportgruppe gegründet. Die Idee ist, Sponsoren und Sympathisanten zu finden, also Leute, die uns nicht nur ideell grossartig finden, sondern ganz praktisch ein bisschen Geld in die Kulturpunkt-Kasse fliessen lassen. Ich wurde beauftragt, einen Sponsorenbrief zu entwerfen. Im Google findet man dazu Musterbriefe. Ich schlage also einen freundschaftlichen Ton an und erkläre den neuen Begriff „Soziokultur“. In unserm Fall besagt Soziokultur kurz gesagt, dass am langen Tisch im Bistro Leute mit und ohne Flüchtlingshintergrund ganz normal zusammen sitzen, auch ohne etwas zu konsumieren. Es funktioniert ja gar nicht schlecht, aber dazu war und ist weiterhin Facharbeit nötig.

Nun, mein Brief wird jetzt von der Supportgruppe begutachtet. Doch das Schwierige folgt erst noch! Wer sind unsere Adressaten? Wir waren aufgefordert, unsere Beziehungen zu Vereinsvorständen mitzuteilen. Auf der Homepage unserer Stadt gibt es ja eine Liste aller Vereine. Aber ob der Pfadfinder-Verein, der BTV, Khur Pride und die Rosengesellschaft nicht doch selber auf Sponsorensuche sind? Also eher Banken und Parteien?

Wenigstens bilden unsere Freitagabend-Konzerte eine kleine Hilfe! Die Musiker spielen nur für ein Hutgeld und was konsumiert wird geht in die Kulturpunkt-Kasse. Gerade das Konzert vom letzten Freitag mit dem Gypsyjazz Gitarrenduo Schmidt und Sgier war wieder so ein stimmungsvolles Erlebnis. Auf dem Platz unter dem Sternenhimmel haben wir den „grossen Sommer“ verabschiedet und den ersten Herbstmonat begrüsst (siehe Foto). Es geht weiter mit den Freitagabend-Konzerten….

bainviver: nicht nur an der Planaterrastrasse?

Unser grosses Haus an der Planaterrastrasse 11 in Chur könnte vielleicht in absehbarer Zeit Zuwachs bekommen! Das jedenfalls war einer Nachricht zu entnehmen, die ein Frauen-Quartett unter dem Namen „Gruppe Sand“ kürzlich an die Bewohnenden sowie an alle Mitglieder der Genossenschaft verschickt hat. Zuwachs? Tatsächlich handelt es sich um ein altes Haus mit Umschwung, das sich im Stadtquartier Sand befindet und das seit dem Tod des letzten Bewohners leer steht. Ilaria Tedeschi, zusammen mit Jana Juran, Florence Cadonau und Ignazia Giger, entwirft für dieses Grundstück einen mutigen, fast tollkühnen Plan!

Es steht ja nirgends geschrieben, dass bainviver nur das Haus Planaterra 11 führen darf. Die Philosophie von genossenschaftlichem Wohnen darf ruhig über den Gartenhaag hinweg gepflegt werden. Dank guter Vernetzung hat unsere Ilaria, die ja auch in der Baukommission von Planaterra als Architektin wirkte, von einem Grundstück gehört, das man kaufen und bebauen könnte. Gut, das dortige Wohnhaus mit Baujahr 1943 ist in schlechtem Zustand und müsste abgerissen werden. Ilaria und ihre Gruppe sehen denn auch einen L-förmigen Neubau mit Wohnungen speziell für Familien. Der schöne Obst- und Beerengarten würde natürlich erhalten bleiben.

Diese Liegenschaft gehört einer Erbengemeinschaft, mit der unser Frauen-Quartett derzeit im Gespräch ist. Wie hoch wäre der Kaufpreis? Was, wenn ein Investor mehr bietet und dann ein Renditebau entsteht? Können wir mit vereinten Kräften dagegen halten? Was das Quartier Sand betrifft ist man sich nämlich einig: hier gibt es Lebensqualität und das Gerücht vom „Schattenloch“ ist eben nur ein Gerücht.

Nächstens werden uns Ilaria und ihre Gruppe zu einer Besichtigung einladen. Ich durfte schon einmal zum Fototermin rund um das Haus herum gehen und gleich von den reifen Feigen und Brombeeren pflücken. Der „Gruppe Sand“ wünsche ich viel Glück und Durchhaltekraft für dieses Herzensprojekt!

Unser Bild: Jana Juran und Ilaria Tedeschi von der „Gruppe Sand“ im Garten vor dem schon längere Zeit unbewohnten Haus.

Was ich mit den Emigranten im Deutschunterricht so erlebe…

Es begann im Januar, als Rita vom Kulturpunkt einmal meinte :“Susi, du als ehemalige Journalistin könntest doch ab und zu einen Emigranten im Deutschlernen unterstützen…“ Sie wüsste da einen aufgeweckten jungen Afghanen vom Meiersboden. Und es gehe nicht so um Grammatik, vielmehr um das freie Reden in der Schriftsprache.

Rafi und ich sitzen also am Tisch und schauen einfach erst einmal Fotos auf dem Handy an. Man kann so gut Landschaften und Leute beschreiben. In der folgenden Woche gehen wir in die Kantonsbibliothek, dort schlage ich einen grossen Atlas auf und lasse mir Rafis Fluchtroute nach Europa zeigen. Er ist schliesslich in Sirnach in einer Militärunterkunft angekommen. „Wir waren 16 Leute, aber das warme Duschwasser am Morgen reichte nur für die ersten Vier“. Rafi lacht oft und macht schnell Fortschritte im Reden. Er bringt Gulan mit, eine junge Iranerin, und zu dritt besuchen wir die beiden grossen Kirchen von Chur und reden über die Weltreligionen. Als es wieder einmal garstig regnet lade ich die beiden in meine Wohnung zum Tee ein. Wir schauen am TV „Mini Chuchi-dini Chuchi“ mit Untertiteln.

Dann wird Rafi verlegt nach Pany, wo es ja ein neues Flüchtlingsheim gibt. Inzwischen habe ich mich beim Roten Kreuz angemeldet und bekomme dort Hamza aus der Türkei zugewiesen. Er ist ein Kurde und lebt mit seiner Familie im Rheinquartier. Auch mit ihm, studierter Physiker, besuche ich Museen, Kirchen und die Bibliothek. Ja auch die Weinabteilung im Manor, und wir reden über den Weinbau. Einmal sagt Hamza ein Treffen ab, denn er habe probehalber einen Job bei Coop in der Logistik bekommen. „Wie war es?“ frage ich eine Woche später. Aber Hamza schimpft, er möge nicht Harasse schleppen, er sei schliesslich Lehrer… Ich wundere mich schon, aber es ist nicht meine Aufgabe, solches Verhalten zu kritisieren.

Heute war es ja wieder prima im Fürstenwald! dort haben wir zusammen den neuen Gleichgewichtsparcours ausprobiert, viel gelacht und Fotos gemacht. Dann können wir vom Waldrand aus eine Beerdigungsfeier auf dem Friedhof beobachten. Hamza wird ganz ernst und fragt mich, was die Pfarrperson denn jetzt zu den Trauernden sage.

Auf dem Bild Hamza in Aktion auf dem Gleichgewichtsparcours.

Tonia, unsere Geschäftsführerin – wer ist das eigentlich?

Sie arbeitet in diesem netten Büro am Südausgang an der Planaterrastrasse 11. Und sie ist seit fast einem Jahr als Geschäftsführerin der Genossenschaft bainviver angestellt. 45 Jahre alt ist sie – aber was wissen wir sonst noch von ihr?

Zunächst macht sie eigentlich immer ein fröhliches Gesicht, wenn man ihr im Hausgang oder auch mal in unserm Bistro begegnet. Ist es denn so lustig, den ganzen administrativen Berg unserer Genossenschaft zu verarbeiten? Jedenfalls, sagt sie schon wieder lachend, habe sie sich nun so eingerichtet um an diesem Arbeitsplatz eine Weile zu bleiben.

Tonia Raich hat einen 30-Prozent-Job und ist jeweils am Vormittag von Montag, Mittwoch und Freitag vor Ort. „Dann sind meine drei Kinder im Schulsystem und ich kann mich den Anliegen der Bewohnenden widmen.“ Die Kleinste, die fünfjährige Anika, geht noch in den Kindsgi. Timo ist zehn und Lars zwölf Jahre alt. Keine leichte Aufgabe, als Alleinerziehende allem gerecht zu werden! Aber sie sehe grundsätzlich alles positiv, die Opferrolle liege ihr nicht, sagt Tonia Raich. Ja, sie schaufle sich auch für ihr Hobby freie Zeit: das ist nämlich ihr Pferd Clif, ein 19jähriger Wallach, der seinen Stall in Haldenstein hat. „Er ist fast mein Lebensbegleiter…“

Aufgewachsen ist Tonia Raich in Männedorf und hat dann eine KV-Ausbildung in der Liegenschaftsverwaltung der Stadt Zürich gemacht. Später lebte sie in Davos und ist nun glücklich mit ihren Kindern und noch zwei Katzen in einem Wohnblock in Chur. „Da die Grosseltern nicht in der Nähe wohnen ist die Nachbarschaftshilfe umso wichtiger“, sagt sie, und sie könne sich hier auf ein schönes Netzwerk von gegenseitiger Unterstützung verlassen.

Was steht denn nächstens in der Genossenschaft an? In der Unterhaltskommission des Hauses geht es um die Gestaltung des Vorplatzes, dann um die Organisation der Fensterreinigung in den Wohnungen und immer wieder um die gute Zusammenarbeit mit dem Kulturpunkt. Letzteres läuft schon darum gut, da man Tonia jeden Montag gegen 10 Uhr im Kulturpunkt beim Pausencafé antrifft – quasi ist dann Sprechstunde für alle im Haus!

Bildlegende: Tonia Raich mit ihrer Jüngsten, Anika, die in den Sommerferien mit ins Büro darf.

Wir haben Familienzuwachs bekommen

Was sind denn das für Leute, die den Brunnenplatz vor dem Bistro Kulturpunkt bevölkern? Kommt man abends in der Dämmerung von irgendwo nachhause, dann könnte man tatsächlich glauben, dass sich hier fremde Menschen eingefunden haben…doch sie sind ja nur aus Holz und farbig bemalt! Etwa zwanzig Männer, Frauen und Kinder, teils in Lebensgrösse, teils etwas kleiner, sind in Gruppen aufgestellt.

Aber das sind keine Schaufensterpuppen, denn sie stammen aus der Werkstatt von Peter und Maria Leisinger aus Malans. Deren Kunstobjekte sind allen bekannt, die schon einmal mit der RhB am Bahnhof Malans vorbei gefahren sind. Dort steht ein Ensemble von so lebensecht wirkenden Figuren, dass man einfach genau hingucken muss.

Nun also auch in Chur vor dem Kulturpunkt! Und zwar thematisieren Peter und Maria Leisinger hier das Flüchtlingsproblem. Menschen mit Furchen im Gesicht, stoische Alte, entwurzelte und ausgelieferte Kinder, alle aus Holz gesägt, weisen auf die Flüchtlingsnot hin. Ja es ist als ein Mahnmal zu verstehen, dass wir im Grunde genommen alle aus demselben Holz geschnitzt sind, egal ob Weiss oder POC (People of Color).

Leisingers Werke strahlen freilich immer auch etwas Schalk und Heiterkeit aus. Und man darf die Skulpturen auch kaufen! Wäre schön, wenn sich Kunstfreunde dafür interessieren würden, denn der Erlös kommt dem Kulturpunkt mit seinen zahlreichen sozialen Engagements zugute. Auf jeden Fall bleibt diese Ausstellung bis zum September frei zugänglich. Alle dürfen sich auf Begegnungen mit unserm Familienzuwachs freuen. Tretet doch einfach ins Bistro ein, denn dort tummeln sich noch weitere neue Bewohnende des Hauses. Es sind kleinere Figuren auf Stelen, ebenso beeindruckend wie die Grossen.

Unser Bild: die Flüchtlingsfamilie beim Brunnen.

Die Flüchtlingsfamilie beim Brunnen.

Mit uns kann alles gut werden…

Diese Woche gab es im Haus Planaterra 11 gleich zwei Anlässe. an denen Präsenz erwartet worden ist: am Dienstag die sogenannte monatliche BO mit den Hausbewohnenden und am Freitag die jährliche GV der Wohnbaugenossenschaft mit Teilnahme auch der auswärtigen Mitglieder. Also erst zum Dienstag: Ich habe ja in meinem Leben schon öfters in Mehrfamilienhäusern gewohnt, doch es geht eigentlich überall um ein gleichbleibendes Thema: wer putzt wann das Treppenhaus, den Gang und den Eingangsbereich? Ursprünglich hiess es bei uns, dass jedes Stockwerk sich selber organisiert. Dummerweise leben aber im dritten Stock elf jüngere Personen und im zweiten Stock nur sieben durchschnittlich ziemlich ältere Personen. Dazu kommt hier noch die Waschküche mit Ausgang zum Garten. Oft stapft man mit nasser Erde an den Stiefeln ins Haus.

Gut, jetzt könnte man ein externes Institut zum Reinigen beauftragen und eine Offerte wurde eingeholt. Aber das ist dann doch wieder zu teuer. Hauswart Thomas schlug deshalb vor, die gemeinsame Putzerei mit einer Party zu verbinden. Doch wann sind alle Leute verfügbar und was, wenn ich mich drücke? Kurz und nicht so gut, es kam an diesem Abend zu keiner eindeutigen Regelung und man hofft einfach auf Solidarität und den Gebrauch der Putzutensilien, die ja im Putzraum allen zur Verfügung stehen.

An der GV wurden natürlich viel wichtigere Themen behandelt. Da ging es um Abnahme der Jahresrechnung, um Demissionen und Neuwahlen und, ganz verrückt darum, ob ein politisches Engagement zum Thema Wohnen zulässig sei. Der Amtsschimmel wieherte mit so einer kuriosen Wortschöpfung wie „Organisationsentwicklungskommission“ (35 Buchstaben!). Aber dann, als Geschenke und Dankesworte verteilt waren, trat Heinz Girschweiler mit seinen „Voci“ auf und diese Voci sangen fröhlich „Mit uns kann alles gut werden, holariho…“ Das wirklich Gute an solchen Anlässen ist auf jeden Fall, dass der Abend schliesslich in lockerer Stimmung beim Apéro endet.

Bild: Blick in unsern Putzraum.

Am Lese-Abend geht es nicht nur um „Schall und Rauch“

Es soll ja Deutschlehrer geben, die nur darum Deutschlehrer geworden sind, damit sie dann über ihre gelesenen Bücher mit andern Menschen – also gemeint mit ihrer Klasse – diskutieren können. Heisst: wenn man ein gutes Buch gelesen hat, dann möchte man halt gerne mit Leuten darüber reden, die dieses Buch ebenfalls grad gelesen haben.

Bei uns im Haus Planaterra 11 muss man nicht erst Deutschlehrer werden. Es genügt, einmal monatlich am Lese-Abend mit der Gruppe um Heidi Derungs teilzunehmen. In den Wochen dazwischen allerdings wird schon erwartet, dass man jene Werke liest, die an eben diesem Lese-Abend vorgeschlagen worden sind. Bücher vorschlagen dürfen alle! Es sollen Titel sein, die laut Klappentext unsere Erwartungen an gute Lektüre erfüllen: gerne Neuerscheinungen von bekannten Autoren und Autorinnen. Der Inhalt darf unterhaltsam, sozialkritisch, komisch, historisch feministisch oder sonstwie spannend sein. Punkto schöner Sprache sind die Teilnehmenden allerdings ziemlich anspruchsvoll.

Letzte Woche haben wir uns wieder in unserm Gemeinschaftsraum getroffen – es waren sieben Frauen – und Heidi hatte Wein, Wasser und Gebäck vorbereitet. Wir haben also den „Primitivo“ von Pedro Lenz behandelt. Diese Beurteilung fiel allgemein positiv aus, Veronika schaut, dass alle Anwesenden ihre Meinung äussern können. Neu für mich war, dass das kleine Werk sowohl in Schriftdeutsch wie auch im Berner Dialekt erhältlich ist. Der zweite Roman hiess „Neujahr“ von Juli Zeh. Von dieser deutschen Autorin habe ich kürzlich „Menschen“ gelesen und war jetzt etwas enttäuscht vom unplausiblen Inhalt des Titels „Neujahr“.

Jetzt freue ich mich auf den nächsten Lese-Abend am 27. Juni: Bis dann sollen wir „Rauch und Schall“ von Charles Lewinsky gelesen haben, ein Buch, das Heidi vorgeschlagen hat. Ich habe es heute in der Stadtbibliothek besorgt und bin schon auf Seite 35. Ferner wurde „Radio Sarajewo“ empfohlen, von Tijan Sila, der sein eigenes Leben im Bosnienkrieg 1992 darstellt. „Penelope und die zwölf Mägde“ von Margaret Atword ist vorläufig noch auf der Warteliste.

Die Teilnehmenden des Lese-Abends stammen übrigens aus Chur und Umgebung und sind eigentlich Akademikerinnen. Aber Heidi, unsere Organisatorin, sieht das nicht so eng. Für sie und für alle, die dabei sind, steht die Freude am Lesen im Vordergrund.

Unser Bild: Blick in den Gemeinschaftsraum mit Heidi und unsern Lese-Gästen.

Vorsicht: Diese Frau kann auch boxen

Wir im Kulturpunkt haben einen neuen Beziehungspunkt in Sachen Soziokultur! Die Frau, die für diesen Job engagiert worden ist, heisst Anina Longthorn und ist eine Allrounderin mit Ausbildung im Tourismus und an der Fachhochschule Agogis in Zürich.

Wie geht das mit Ferienleuten und Menschen mit Behinderung zusammen? Anina Longthorn (35) hat in ihrer Laufbahn immer mit vielen Gesellschaftsschichten zu tun gehabt. Bei Graubünden Ferien bearbeitete sie den Markt in Polen, Tschechien und England und lud Medienleute in unsern Kanton ein. Graubünden im Ausland bekannter machen, lautete der Auftrag. Aber nach zwei Jahren wechselte die Thurgauerin die Szene und arbeitete in Trun in der Casa Depuorz mit Menschen, die beeinträchtigt waren. „Ich pendelte während drei Jahren zwischen Trun und Chur“, sagt sie dazu. Mit einem Job in Sargans (Arwole) und später im Sonderstrafvollzug Tignez in Cazis war Anina schon näher in ihrer Lieblingsstadt Chur und bei ihrem Lieblingsmann Gian Andri.

Aber nun ist die berufserfahrene Frau im Kulturpunkt gelandet. Hier bildet sie quasi die Drehscheibe für alle Anlässe, die in unserm Bistro mit seinen Seminarräumen stattfinden. Anina hilft bei den Kursgestaltungen, managet Events, kreiert Flyer für Konzerte, schreibt Menükarten, serviert zusammen mit Gastrochef Memet das Mittagessen. Kurz und gut, Anina in ihrem 80 Prozent-Job ist ein grosser Gewinn für unser Haus und das Unternehmen Kulturpunkt! Aber Vorsicht: diese schöne und liebenswerte Frau hat ein Hobby, das Respekt abverlangt. Sie liebt nämlich das Boxen und ist lizenzierte Boxtrainerin in der Boxschule von Franco Passanante.

Unser Bild: Anina, die soziokulturell ausgebildete Fachfrau, pflegt eine offene Willkommenskultur.

Von den Broccoli bis zum Politabend

Das ist schon schön: da klaube ich meine Wäsche aus der Maschine, und gleichzeitig kommt Martina aus dem Garten in die Waschküche. Sie habe gerade geerntet, ob ich ein paar von ihren Broccoli wolle: „musst sie nur in der Pfanne in Olivenöl schwenken und etwas Salz darüber…“ Oh, vielen Dank! Aber womit kann ich mich revanchieren? Ach, ich habe ja soeben eine Grosspackung WC-Papier vom Coop nachhause geschleppt, ein paar Rollen davon sind für Martina. Diese treffe ich jetzt aber vor der Wohnung von Jonathan an, wo sie quasi „Anwesenheitskontrolle“ macht. Jonathan, der Skitourengänger, hat letzte Woche einen glimpflich verlaufenen Sturz erlitten und musste mit der Rega ins Spital geflogen werden. Gehirnerschütterung, ziemlich zerschundenes Gesicht, jetzt sollte er sich zuhause ausruhen. Da ist es eben schon gut, dass wir andern vom Haus einmal nachfragen, wie es ihm geht.

Und wie wird es mir selber am Dienstag, 6. April gehen? Weil in meinem Innern macht sich schon jetzt das Lampenfieber breit. Mutig habe ich nämlich für diesen Tag einen Politanlass in unserm Haus organisiert. Also kein Konzert, kein Brunch, sondern Stadtpolitik mit zwei kompetenten Gästen! Es sollen sich aber nicht alle, die hoffentlich kommen werden, in einer Art Wohlfühlblase tummeln, das heisst es geht nicht nur um die Sicht einer einzigen Partei. Meine Gäste heissen Hans-Martin Meuli von der FDP und Dr. Johannes Meyer von der GLP. Beide haben bereits Einsitz im Stadtrat und ja, sie möchten dann im Juni wieder gewählt werden.

Aber bei unsern Themen geht es nicht um diese Stadtratswahlen, sondern um das, was die Churer Bevölkerung derzeit bewegt: Umsetzung der Stadtklimainitiative, Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum Chur. Manche Leute schreiben zu diesen Anliegen Leserbriefe in der Zeitung. Andere machen nur die Faust im Sack. Bei uns im Restaurant Kulturpunkt haben nun alle Gelegenheit, Fragen zu stellen und zu diskutieren.

Meine Aufgabe als Moderatorin wird sein, jeden und jede zu Wort kommen zu lassen, darauf zu achten, dass niemand allzu lange spricht und dass alle verstanden werden. Ich hoffe, dass mir dies gut gelingen wird und vor allem hoffe ich, dass ich ein ziemlich grosses Publikum begrüssen darf! Denn das ist ja das Schreckgespenst von allen, die einen Anlass organisieren: dass dann gar niemand kommen könnte….

Knochen- und andere Geschichten

Nun gut, die Knochengeschichte hat ganz schön zu reden gegeben. Der Fund sei jetzt beim archäologischen Dienst archiviert und nein – es liege keine Leiche in unserm Haldengarten, denn es handle sich lediglich um Tierknochen, vermutlich von einem Schwein. Das meldet Martina und fügt gleich an, dass sie den Kantonsarchäologen Mathias Seifert (übrigens ein Genossenschaftsmitglied) angefragt habe, einen Vortrag bei uns zu halten, Thema: „Die Bündner Wirren auf unserer Halde“. Sie meint noch: „Bleib wachsam, Susi, damit wir bald wieder einen Blog von dir lesen können“.

Also, dann berichte ich hier, was mir die Rita vom Kulturpunkt zum Jahresbeginn eingebrockt hat. Sie meinte, ich könnte doch jungen Asylanten Deutschunterricht geben. Sie hätte da einen Afghanen vom Meiersboden. Aber ich bin ja keine Lehrerin und überhaupt, Geduld ist nicht gerade meine Stärke, sowieso habe ich kein Konzept für so etwas. Dann stellte sie mir Rafi vor. Rita musste gleich wieder weg und so taten wir, was man ja immer tun kann – wir schauten Fotos auf unserm Handy an und beschrieben diese. Eine Landschaft – nein das ist nicht Gras, das ist ein Rebberg wo Weintrauben wachsen. Ja, das ist ein Schloss, das ein Auto….

Eine Woche später gingen wir ins Naturmuseum, Da war Rafi voll dabei, er wiederholte die Namen der Tiere, schrieb Schwieriges wie Schmetterling auf, begeisterte sich besonders für das oberste Stockwerk mit den Kristallen. Klar, in seiner Heimat Afghanistan mit den hohen Bergen kommen sicher auch seltene Gesteine vor. Wir schauten dann noch dem bunten Treiben auf dem Quader-Eisplatz zu (schwieriges Wort: Schlittschuhlaufen). Und dann fragte mich Rafi, ob er noch eine Iranerin mitbringen dürfe. Diese wolle ebenfalls besser Deutsch lernen.

Gut, so besuchten wir halt zu Dritt das Rhätische Museum. Da war so ein altes Militärvelo und ich liess mir Teil um Teil erklären. Bis zur Musikausstellung mit der Bassgeige ging das so weiter. Die beiden jungen Leute waren voll bei der Sache und so schlug ich vor, mit dem Bus in die Obere Au zu fahren. Eishalle, Skatingpark, Wasserrutsche (wieder so ein Wort!) und dann die Sauna. Aber die beiden wussten ja, was ein Hamam ist, so fiel mir das Erklären leicht.

Heute nun ging es um das Christentum. Erst die Kathedrale, wo wir eine Kerze anzündeten, dann die Martinskirche, wo meine Lernenden die Orgel bewunderten, und dann ins Café zur Besprechung des Gesehenen. Ich habe Freude an den beiden lernfreudigen jungen Leuten und mache gerne weiter. Wenn sie schliesslich dank guten Deutschkenntnissen einen Job finden, dann bin ich echt auch ein bisschen stolz!

Unser Bild: meine beiden Lernenden vor der Martinskirche.

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